70 Jahre Thomaskirche

Geschichtsschreibung aus der Sicht des ersten Täuflings

Am 4. September 1932 wurde die „Evangelisch-Lutherische Kirche am Parkplatz zu Geiselgasteig bei München« — so war damals der offizielle Name - durch Kreisdekan Baum und Dekan Langenfaß feierlich eingeweiht. Und dieses Tages gedenken wir heute, 70 Jahre danach.

Es wirkt heute noch wie ein Wunder, dass es nach gerade erst überstandener Weltwirtschaftskrise den etwa 450 Evangelischen in Grünwald gelingen konnte, ein solches Bauwerk voranzubringen. Der Entschluß dazu stammte aus dem Jahre 1924: Dekan Heckel hatte im Hause Müller an der Ludwig-Thoma-Straße, wo damals auch die Gottesdienste stattfanden, mit Grünwalder Bürgern beratschlagt, es kam 1926 zur Gründung des „Evangelischen Vereins Grünwald und Geiselgasteig“, dessen Ziel die Errichtung einer Tochterkirchenstiftung war. Die staatliche Genehmigung wurde 1930 erteilt.

Nach langwierigen Verhandlungen räumte die Gemeinde Grünwald dafür ein Erbbaurecht am Parkplatz ein, wodurch die Grundstücksfrage erst einmal einer Lösung zugeführt war. Zur Finanzierung der Baukosten von RM 56.452.- mussten die Gemeindeglieder einen wesentlichen Anteil übernehmen, wofür unermüdlich gesammelt wurde.

Grundsteinlegung war am 8. November 1931. Der Entwurf stammte von den Architekten Prof. Delisle und lngwersen. Die Bauarbeiten wurden von der Baufirma Martin Kneidl - der Firmeninhaber war seinerzeit auch Bürgermeister von Grünwald — ausgeführt. Vom ortsansässigen Schreinermeister Karl Hengst stammen die Kirchenbänke.

Zunächst einziger Schmuck war neben Taufstein, Altar und Kanzel aus rotem Wesersandstein das schwere Holzkreuz, das später noch mit einem Korpus ergänzt werden sollte; dazu ist es nicht gekommen und wir heute können uns eigentlich keine andere Gestaltung vorstellen als dieses schlichte, aber die Kirche beherrschende Kreuz.

Apropos Taufstein: Auf den ersten Täufling musste die neue Kirche nicht lange warten. Und wenn man bei Jubiläen gern einen Zeitzeugen dabei haben möchte, so war einer davon leicht zu finden.

Ich zitiere aus dem Tagebuch von Frau Charlotte Grosche: Am 17. April 1933, unserem Verlobungstag, ist unsere kleine Renate in der evangelischen Waldkirche am Parkplatz getauft worden. Tante Grete Elten hielt sie über das Taufbecken. Puppchen war sehr brav, hat gar nicht geweint. Sie war der erste Täufling in der kleinen neuen Kirche, ihr Tauftag war gleichzeitig der zweite Osteifeiertag. Unsere Gäste waren Tante Grete und Pfarrer Eliwein.

Unser Leben währet 70 Jahre, so steht es im 90. Psalm Vers 10. Wenn ich nun an dieser Schwelle zurückblicke, dann hat mich dieses Gotteshaus ein Menschenalter lang begleitet. Die Mutter meiner altesten Freundin, Frau Anni Bürger aus der Waldeckstrasse, versah während und nach dem Krieg den Mesnerdienst, so dass die Kirche mir schon als Kind in ihrer Begleitung vertraut wurde. Ich gehörte mit Uli Weinhold, Sieglinde Anders-Schöne, Johanna Ehegartner und Anderen zum ersten Konfirrnandenjahrgang, der in dieser Kirche 1947 eingesegnet wurde. Vorher wurden die Grünwalder Jugendlichen zusammen mit denen der Stammgemeinde in Sohn oder Harlaching eingesegnet. Hier wurden wir 1960 getraut, unsere beiden Söhne getauft und konfirmiert; 1985 erlebten wir die Einsegnung anlässlich unserer silbernen Hochzeit und schließlich 1999 die Taufe unseres ersten Enkels.

70 Jahre — ein Menschenleben! An sich ist dies für eine Kirche kein besonders hohes Alter, wenn man an die berühmten Sakralbauten denkt. lrrprhin: Es ist trotzdem bemerkenswert, dass unsere Kirche i 700jähngen Grünwald die älteste ist: Die katholische Kirche Peter und Paul im Ortszentrum wurde 1939 neu gebaut und Maria Königin ist ein Bau der Nachkriegszeit, 1958 eingeweiht!

Bereits mit dem Bau wurden drei Glocken in den Turm eingebracht, die von der Firma Schilling in Apolda gegossen worden waren. Ein Ergebnis weiterer Spendenfreudigkeit war die Enthüllung des Altarfreskos im Juni 1936. Prof. Reinhold Max Eichler hat es gemalt, es stellt die Bergpredigt dar.

Und dann hat es die Gemeinde auch noch geschafft, eine Orgel anzuschaffen, die 1938 durch die Münchener Firma Moser zum Preis von RM 6.158.- eingebaut wurde.

War nun die Kirche mit Altar, Taufstein, Kanzel, Altarbild, Orgel und Glocken komplett, so fehlte ihr lange Zeit der Pfarrherr und das Pfarrhaus. Zuerst versorgte Pfarrer Ellwein von Solln aus die Kirche mit 14-tägigen Gottesdiensten, er wurde später ein bekannter Theologieprofessor. Ihm folgte der nachmahige Kirchenrat Schattenmann.

1940 wurde die Tochterkirchengemeinde Grünwald von SolIn zur neu errichteten Gemeinde Emmaus in Harlaching „umgepfarrt“. Doch deren Pfarrer Neumann musste in den Krieg ziehen und so schiebt sich Pfarrer Zwanzger mit seinem Fahrrad ins Bild, mit dem er von Planegg aus herübergeradelt kam.

Der Krieg machte aber auch vor der Kirche selbst nicht Halt. Zwei ihrer Glocken wurden zu Kriegsbeginn beschlagnahmt, neben den Glockenstühlen zerschlagen, da man sie anders nicht aus der Kirche herausbrachte, abtransportiert und eingeschmolzen. Endlich, nach Ende des Krieges 1946, kam mit dem Ostpreußen Paul Blum der erste eigene Pfarrer an die Grünwalder Kirche und ihm und dem Kirchenvorstand gelang schließlich 1955, aus der Tochterkirchengemeinde eine selbständige Kirchengemeinde zu machen. Seinem Vorschlag folgte der Landeskirchenrat durch Beschluß vom 10. Februar 1953, mit dem unsere Kirche den Namen „Thomaskirche“ bekam. Wenn wir also heute den 70. Geburtstag der Kirche feiern, so könnte im nächsten Jahr mit dem 50-jährigen Gedenken des Namensgebung wieder ein schönes Fest anstehen.

1962 war wieder ein wichtiges Jahr. Es wurde nicht nur die alte Umluftheizung, die mehr Schmutz an den Wänden als Wärme brachte, durch eine elektrische Bankheizung ersetzt, nein, auch das Geläut, das seit Kriegsbeginn nur noch aus einer Glocke bestand, konnte wieder ergänzt werden und zwar durch drei neue Glocken aus einer Gießerei in Erding. Eine Abordnung des Kirchenvorstandes ließ es sich nicht nehmen, zum Guss der Glocken nach Erding zu fahren.

25 Jahre versah Paul Blum seinen Dienst bei uns. Es ist im Rahmen dieser Feierstunde überhaupt nicht möglich, auch nur annähernd zu beschreiben, welche Aufbauarbeit während seiner Amtszeit geleistet wurde. Als Untermieter bei Grünwalder Familien unter beengtesten Verhältnissen, mehrmals mit diesen von den Amerikanern vor die Tür gesetzt, konnte er mit seiner Familie 1954 endlich in das Haus am Primelweg 10 einziehen; der größte Raum dieses kleinen Hauses diente als Gemeindezentrum, hier probte der Chor, fanden die Kirchenvorstandssitzungen statt, traf sich eine erste sehr aktive Jugendgruppe; Pfarrer Blum hat das Gemeindeleben hautnah miterlebt und hin und wieder mit seiner modernen Tonbandausrüstung dokumentiert. Uber die Gemeindegrenzen bekannt wurde er durch seine Beiträge in der Illustrierten „Revue“, in denen er ähnlich brillierte wie in seinen sonntäglichen Predigten.

Ihm folgte 1971 Martin Schmidt, der aus Schlesien stammte. In dessen Amtszeit fiel der Bau des Gemeindezentrums an der Wörnbrunner Straße. Trotz seiner schweren Knegsverletzung - er hatte einen Arm verloren — war er nicht nur ein Hüter seiner evangelischen Schäflein, sondern auch ein passionierter Gärtner, was dem neuen Pfarrgarten zu Gute kam. In dem neuen, nun auf unsere Verhältnisse zugeschnittenen Zentrum begann er mit dem kontinuierlichen Aufbau einer Senioren- und Jugendarbeit. Mit Pfarrer Schmidt unternahm der Kirchenvorstand auch eine seiner Reisen, nämlich ins Altmühltal, seinem ehemaligen Wirkungsbereich. Für eine Reise nach Umbrien zu den Etruskern, denen er sich sehr verbunden fühlte, war die Zeit noch nicht reif. Als 10 Jahre später seine Amtszeit zu Ende ging, kam 1981 mit Gerhard Nörr ein Mitteifranke zu uns. Er wiederum setzte in seiner 20-jährigen Amtszeit andere Schwerpunkte in der Seelsorge, er wollte „mit seinem Gott über Mauern springen“, um die Zurückgezogenheit der Grünwalder Bürger zu ü erwinden. Unter seiner Ägide entwickelte sich dank kreativer Persönlichkeiten eine bemerkenswerte Jugendarbeit, an die wir heute noch mit Dankbarkeit, aber auch mit Wehmut zurück denken. Jugendkuiturwochen, Filmproduktionen, turbulente Parties, manchmal gestört durch Rollkommandos aus der Stadt, es rührte sich was.

Trotz des vielfältigen Geschehens an der Wömbrunner Straße 1 war die Verkündigung in der Thomaskirche Pfarrer Nörrs Hauptanliegen und beim Blick von der Kanzel wurde ihm klar, dass der Kirchenraum auch einmal wieder einer Auffrischung bedürfe. Letztendlicher Auslöser für die Innenrenovierung war die altersschwache Orgel, mit Ersatzmaterialen in der Vorkriegszeit gebaut, da die wertvollen MetaNe damals schon für etwas Anderes vorgesehen waren. Und wie es immer so ist, wenn bei Kirchens eine Investition ansteht: Werben für das Projekt, Uberzeugen von der Notwendigkeit, Sammeln, Sammeln, Sammeln.

DM 300.000.-sollte die neue Orgel kosten, die sich der Kirchenvorstand im badischen Schiltach beim Orgelbauer Heintz ausgeguckt hatte. 1992 war es soweit, dass die neue Orgel eingeweiht werden konnte. So feiern wir heute auch sie anlässlich ihres 10-jährigen Jubiläums. Mit ihrem Einbau wurde auch die Empore umgestaltet, die Kirche geweisselt, eine andere Beleuchtung aufgehängt und die Bankheizung wieder einmal erneuert.

Bei all diesen Bemühungen über die Jahre hinweg nagt an der mittlerweile unter Denkmalschutz stehenden Thomaskirche weiterhin der Zahn der Zeit: Der Fußboden hat sich gesenkt, die hölzernen Dachschindeln sind morsch geworden wie das schüttere Haar eines Siebzigjährigen, aus der evangelischen Waldkirche, von der Frau Grosche schrieb, ist eine Kirche auf einer weiten Wiese geworden, da die Fichten ringsum wegen Krankheit gefällt werden mussten.

So kommt auch der jetzige Pfarrer Christian Stalter, geboren in Brasilien und aufgewachsen in Unterfranken, den sich der Kirchenvorstand ausgewählt hat und der seit September 2001 als Pfarrer amtiert, nicht darum herum, immer wieder an die Opferbereitschaft zu appellieren, damit unser schöner Kirchenraum weiterhin einladen kann zu Gottesdiensten, Taufen, Trauungen und wie in letzter Zeit gelegentlich begangen — Trauerfeiern. Eins ist ihm schon gelungen: Den Raum zu füllen mit vielen quirligen Kindern mit ihren Eltern anlässlich von besonderen Kindergottesdiensten. Die Thomaskirche ist zudem seit langem eine beliebte Hochzeitskirche in der Region geworden. Trotzdem: Wenn auch aus 450 Evangelischen in Grünwald bei ihrer Einweihung mittlerweile 2500 geworden sind, so reichen bei den Gottesdiensten die 230 Sitzplätze in der Regel locker aus. Das muss betroffen machen. Wir würden als Nachfahren derer, die diese Kirche unter größten Anstrengungen geplant, gebaut und gestaltet haben, jener Generation nicht gerecht werden, wenn uns dies nicht immer und immer beschäftigt und wir nicht Wege finden, um mehr Menschen in dieses schöne, uns ans Herz gewachsene Gotteshaus zu führen.