70 Jahre nach seiner Entstehung „will“ ein Bild uns offensichtlich seine Geschichte „erzählen“:

In einer knappen Pressemitteilung in den Münchner Neuesten Nachrichten vom 24. Juni 1936 wird erwähnt, dass ein „monumentales Freskobild“ mit der Darstellung der Bergpredigt der evangelischen Gemeinde zu Grünwald übergeben wird.

Altarfresko
Altarfresko

Diese Presseerklärung wäre weiter nichts Besonderes, wenn da nicht zwei ungeklärte, wichtige Details wären.

Der Künstler signierte sein Fresko mit der Jahreszahl 1935 – öffentlich gemacht wurde das Bild jedoch erst im Jahr darauf. Und warum wurde das Altarfresko so heimlich, still und leise und ohne großen festlichen Akt der Gemeinde übergeben?

Dies mag nicht weiter verwundern, könnte man einwenden, beginnt doch die Kunst im Auge des Betrachters zu wirken und nicht aufgrund der Erläuterungen des Künstler's. Dennoch ist das Schweigen über diesem Bild sonderbar.

War das Thema „Bergpredigt“ vielleicht der Grund?

Denn in ihren inhaltlichen Aussagen, - etwa „Liebet eure Feinde“, Matthäus 5, 47, oder „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.“ Mt 7, 12 - ist sie ein Affront gegen die herrschende nationalsozialistische Geisteshaltung.

Weitere Fragen tun sich in diesem Zusammenhang auf. Wer hat eigentlich das Bildthema Bergpredigt in Auftrag gegeben? Und wer war der Künstler R. M. Eichler?

Es ist schon fast spektakulär:
Am 24. Juni 2006, also auf den Tag genau siebzig Jahre nach der ersten und einzigen Pressemitteilung zum Fresko – diese Datumskoinzidenz entdeckte ich erst viel später -, tauften wir in der Thomaskirche ein kleines Mädchen. Mit Vater und Mutter zogen wir aus der Kirche hinaus. Dabei fragte mich die Mutter, von Beruf Kunsthistorikerin,: „Was ist eigentlich mit Ihrem schönen Altarbild? - Gibt es dazu Unterlagen?“ Ich antwortetet Ihr, dass es kaum Informationen dazu gäbe. Da bot sie sich an weiter nachzuforschen.

Die Ergebnisse der Recherche sind beeindruckend. Reinhold Max Eichler war ein hervorragend ausgebildeter Künstler, der zeitlebens in Künstlerkreisen sehr geachtet war. Nach seinem Studium an der Kunstakademie München war er Gründungsmitglied der hier ansässigen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts aktiven, avantgardistischen Künstlergruppe "Die Scholle". Diese Vereinigung sehr unterschiedlicher
Malerkollegen stellte sich gegen die Akademiekunst und proklamierte einen modernen Kunststil. Stilistisch ist die Gruppe zwischen Spätimpressionismus und Frühexpressionismus anzusiedeln und stellt einen wichtigen Wegbereiter für den deutschen Expressionismus dar.

So schrieb der Künstler Franz Marc als sich Die Scholle 1911 auflöste, dass der Blaue Reiter nun die „neue Scholle“ sein wolle.
Eichler war erfolgreich: er fertigte Zeichungen für die berühmten Zeitschriften „Die Jugend“ und „Simplizissimus“ und illustrierte zahlreiche Bücher, vor allem Kinderbücher.

1912/13 erhielt er den bedeutenden Auftrag, für den Neubau der Münchener Rückversicherung in der Königinstraße ein großformatiges Wandbild zu malen. Er lehrte als Kunstprofessor an der Universität und Mitte der Zwanziger Jahre erwarben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mehrere Ölgemälde von ihm, die sich heute noch im Lenbachhaus befinden...

… Eines ist klar: Kunstsinnige Gemeindeglieder und der Künstler Reinhold Max Eichler vereinbarten damals, Anfang der dreißiger Jahre, den Schatz, und zwar einen unglaublich aufwändigen und teuren, in der Kirche sichtbar zu machen. Nicht nach außen sollte die Kirche groß dastehen, sondern in ihrem Inneren sollte das wertvolle Zeugnis des Glaubens sein. Wie anders sollte man erklären, dass die damals doch recht kleine Gemeinde in ihrer Kirche ein Fresko dieser Größenordnung ca. 7x7 m anfertigen ließ?
Im Grunde hätte es genügt, und mit kleinen architektonischen Veränderungen wäre es möglich gewesen, wie sonst auch üblich, eine Fensterreihe im Osten der Kirche einzubauen – auch unsere Kirche ist „geostet“, d. h. der Altarraum ist in Richtung des Morgenlandes eingerichtet. Aber das wollte man nicht.
Vielmehr ist das Fresko an dieser Stelle gedacht als eine illusionistische Fortsetzung des Kircheninneren: Volk und Jünger setzen die Sitzordnung der Kirche fort und die Altarstufen führen auf den Berg hinauf, auf dem Christus predigt und Jesus, der Heiland, den Menschen nahe kommt, um die Botschaft vom Reich Gottes lebendig werden zu lassen. Der Künstler will das Geschehen auf diese Art und Weise dem Betrachter möglichst nahe bringen, den Betrachter sozusagen live das Geschehen miterleben lassen. Um etwas von dieser Illusion abzuschwächen hat Eichler den Rahmen gemalt.

Reinhold Max Eichler und die Gemeindeglieder bewahrten sich mit diesem Werk einen besonderen Weitblick. Diesem haben wir heute zu verdanken, dass in unserer Kirche das zweitälteste Altarfresko in einer evangelischen Münchner Kirche zu bewundern ist. Und dazu die äußerst seltene Darstellung der Bergpredigt in einem Fresko. Der Künstler schuf, das wissen wir jetzt, ein Fresko von herausragender Bedeutung. Leider konnten bis jetzt keine schriftlichen Zeugnisse gefunden werden über die maßgeblichen Gemeindeglieder, die dies befürworteten. Lediglich eines ist sicher, dass der damalige Pfarrer Ellwein das Projekt maßgeblich voranbrachte – vielleicht kannte er den Künstler und seine Bedeutung. Weitere Details folgen